Heutige Quellen der nordischen Mythologie

QuellenDie wichtigsten Quellen für unser heutiges Bild nordischer und kontinentalgermanischer Mythologie stammen aus dem 13. Jahrhundert. Neben den Isländersagas und der dänischen Geschichte in den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus gehören dazu die Texte der Snorra-Edda. Besondere Bedeutung kommt der sogenannten Lieder-Edda zu, einer Sammlung von 16 Götter- und 24 Heldenliedern.

Alle diese Überlieferungen sind jedoch bereits sehr stark durch die Christianisierung beeinflusst und verfälscht worden. Geschichte wird von den Siegern geschrieben und das Christentum war ein unbarmherziger Sieger. Aus dem gutmütigen und freundlichen Thor wurde ein jähzorniger „Donnergott“, der blindlings mit seinem Kriegshammer um sich schlägt. Freyja, die selbstbewusste Wanin, wurde als Hure dargestellt. Der entwurzelte, von seelischen Qualen gepeinigte Loki wurde als hinterhältiger Verräter gezeichnet. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen.

Merseburger Zaubersprüche

Als Merseburger Zaubersprüche werden zwei althochdeutsche Sprüche aus heidnisch-germanischer Zeit zur Befreiung Gefangener und gegen Fußverrenkung bezeichnet, die nach dem Ort ihrer Auffindung in der Bibliothek des Domkapitels zu Merseburg benannt sind. Dort wurden sie 1841 von dem Historiker Georg Waitz in einer theologischen Handschrift des 9./10. Jahrhunderts entdeckt und 1842 von Jacob Grimm erstmals herausgegeben und kommentiert. Die zwei Zauberformeln sind in althochdeutscher Sprache niedergeschrieben. Sie nehmen als einziger in Althochdeutsch existierender Text Bezug auf Themen und Figuren der vorchristlichen germanischen Mythologie.

Isländersagas

Die literarische Form der Isländersagas entwickelte sich aus der heroischen Poesie altgermanischer Heldenlieder, wie sie in den Dichtungen der Lieder-Edda überliefert sind. Phantastische Elemente sind kaum enthalten, es handelt sich weitgehend um realistische Schilderungen. Als Quellen der Mythologie sind sie von unschätzbarem Wert.

Die Hrafnkels saga Freysgoða (kurz Hrafnkatla) ist eine der kürzeren Isländersagas (Íslendinga sögur) und trotzdem eine der bedeutendsten. Sie wurde anonym in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfasst.

Neben den christlichen Werten äußert sich die Hrafnkels saga zu einigen altisländischen kulturellen Überzeugungen:

  • Freyfaxi und den Pferdekult, über rituelles Reiten und die Divination mittels des Wiehern heiliger Pferde;
  • Die Stellung des Freyskultes im vorchristlichen Island;
  • Die Verpflichtung des Goðentums Tempel zu gründen und zu unterhalten und den jeweiligen Kulten vorzustehen;
  • Die Aufhängung Hrafnkells und sieben seiner Leute mittels eines Seils, das ihm durch die Fersen gezogen wird, erinnert an die Art der Óðinns-Verehrung durch Hängen.

 


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Bild: Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r mit den Merseburger Zaubersprüchen im oberen Teil (Zeilen 1–12). Digital colorierter Scan eines Photodrucks aus dem 19. Jahrhundert (Verlag v. F. Enneccerus, Frankfurt am Main 1897), der nicht den heutigen Zustand des Originals wiedergibt. © PD